Knapp 30 Tage trage ich Nokias N900 jetzt mit mir herum, Zeit also, ein erstes Fazit zu ziehen. Was gefällt? Wo hapert es? Wäre ich mit einem iPhone oder Android-Gerät besser bedient gewesen?
Über die technischen Eckdaten haben andere während des letzten Monats sicherlich schon genug geschrieben, daher will ich mich hier auch nicht groß damit aufhalten – wer Interesse an Zahlen hat, wird auch auf maemo.nokia.com fündig. Zunächst einmal (und die Frage ist sicherlich obligatorisch) ist das N900 kein iPhone. Kein Stück. Führt man sich aber vor Augen, dass Apples Flagschiff rund 300 Euro teurer ist, lassen sich die erkennbaren Unterschiede jedoch gut verschmerzen. Nein, die User Experience beim N900 ist alles andere als komfortabel. Augmented Reality kann man mangels Kompass vergessen und Form und Gewicht kommen mit 180 Gramm Gewicht und satten 11 mal 6 mal 2 Zentimetern auch eher dem militärischen Einsatz entgegen. Das ist gewissermaßen also ziemlich cool. Allen Zweiflern hier auch noch ein passendes Video aus YouTube herausgesucht:
Neben seiner Panzerung liegen die Stärken des N900 denn auch mehr in den Möglichkeiten, die die offene Maemo-Plattform, bzw. die das N900 der ja schon länger (Stichwort N700/N800) existierenden Open-Source-Plattform bietet. Im Grunde genommen ist das N900 ein Linux-basiertes Netbook. Und was kann man mit Linux alles machen? Genau, alles.
Aber gut, ich verrenne mich auch schon in Details, um die es hier gar nicht gehen soll. Schließlich will ich ja darüber schreiben, wie sich das N900 in seinen ersten 30 Tagen Alltag bewährt hat. Am Anfang (sprich: gleich nach dem Auspacken) sah es noch etwas mau aus. Maemo 5 ist noch recht jung, eine richtig offizielle Auswahl an Programmen fand sich noch nicht. Der ärgste Mangel ließ sich jedoch mit dem Zuschalten der Extras- und Extras-Testing-Repositories beheben, hier finden sich Programme fürs Bloggen, Chatten, Twittern und das Mach-aus-meinem-Handy-eine-IR-Fernbedienung-Umfunktionieren. Wer mag installiert sich auch vim, lighttpd, Ruby, nen VPN-Client, aircrack oder was auch immer. Ich selbst habe mich zunächst mal auf das Bloggen/Twittern/Surfen/Telefonieren beschränkt. Und Duke Nukem.
Messaging
Messaging klappt auf dem N900 hervorragend. SMS, Twitter, ICQ, Skype oder was auch immer (sofern ein passendes Plugin existiert) werden nahtlos unterstützt. Ein Beispiel: Ich schicke aus dem Büro noch schnell eine Skype-Nachricht an meinen Bruder (Stell schnell Bier kalt!) er antwortet mir per SMS (Ist schon alles leer!) und ich twittere das Ergebnis der Gang (Party fällt aus!). Das alles ist nun auf dem Gerät in einem Gesprächsverlauf zusammengefasst und ich muss mich nicht durch drei verschiedene Clients zappen, um das Gespräch später noch einmal nachvollziehen zu können. So werden selbst Twitters Direct Messages zur SMS. Sofern die Services (Skype, Twitter, etc.) für einzelne Kontakte zur Verfügung stehen, sind sie auch mit diesen verknüpft. Bei Telefonanrufen habe ich so automatisch die Wahl zwischen Skype-, Google Talk- oder klassisch dem Phone Call. Bei Chats kann ich zwischen Twitter, SMS oder ICQ wählen. Alles unter einem Dach. Nur E-Mail und Facebook sind zur Zeit extra. Komfortabler hab ich das noch bei keinem anderen Anbieter erlebt.
Bloggen
Ein erster Test hat es gezeigt – das Bloggen vom N900 aus klappt hervorragend. Im direkten Vergleich mit der WordPress-App fürs iPhone sogar um Längen besser. Das liegt zum Einen an der eingebauten Tastatur, die ein bequemes Tippen ermöglicht, zum Anderen aber auch an MaStory, dem praktischen Blogging-Client. Der bietet zwar keine Kommentarverwaltung, dafür aber umfangreichen Support für HTML-Tags, was das Bloggen auf dem N900 ungemein komfortabel macht. Vom Fotoupload direkt auf Flickr, Picasa & Co. ganz zu schweigen. Und neben WordPress werden auch Blogger, Livejournal oder Drupal unterstützt. Insgesamt rückt das mobile Bloggen mit MaStory und dem N900 in durchaus praktikable Nähe. Und Nörgler sollen via Bluetooth oder auch USB auch externe Keyboards mit dem N900 koppeln können.
Surfen
Surfen im Internet geht gut von der Hand. YouTube-Videos ruckeln leider, aber prinzipiell geht auch das. Insgesamt wirkt der Browser deutlich erwachsener, als der Safari auf dem iPhone. Alternative Browser lassen sich über das Repository nachinstallieren, Mozillas Fennec ist beispielsweise ebenfalls verfügbar, aber noch recht gruselig in der Anwendung. Alles in Allem ist der N900-Browser für das schnelle Surfen und Nachschlagen zwischendurch völlig ausreichend.
Always on
Jederzeit online, den passenden Datentarif vorausgesetzt. Je nach Netzausbau sind mit HSPA bis zu 10 MBit/Sekunde im Download möglich (bei mir zu Hause hab ich bereits rund 1 MB pro Sekunde im Download gemessen, das klappt also:-), alternativ wählt sich das Gerät auch per WLAN nach 802.11b/g in vorhandene Netzwerke ein. Bluetooth 2.1 steht auch zur Verfügung, mit meinem MacBook komme ich hier auf rund 180 kb/Sekunde. Per Tethering kann das Handy dann auch noch als Modem herhalten. Was den Datentarif angeht, bzw. den Datenverbrauch: In meinem ersten Monat habe ich alles bunt durchprobiert und bin bei sparsamen Surfen (und dem Einsatz meines WLANs wann immer möglich) auf rund 40 MB gekommen, die für das Mobilfunknetz anfallen. Mein Tarif stellt mir 300 MB frei, ehe gedrosselt wird, damit stoße ich also voraussichtlich an keine nennenswerten Grenzen im Praxiseinsatz.
Down the Drain
Praktisch hält das N900 bei mir einen Arbeitstag durch, ehe es über Nacht wieder aufgeladen werden muss. Das geht in Ordnung, ein Laptop oder iPhone macht das auch nicht länger. Dabei komme ich auf rund eine Stunde Surfen am Tag, bin durchgehend mit Skype, Twitter und ICQ verbunden, rufe alle 15 Minuten meine E-Mails ab, und höre auf dem Weg zur Arbeit Musik über den eingebauten FM-Transmitter im Auto. Insgesamt habe ich im letzten Monat knapp 44 Minuten lang Telefongespräche geführt (knapp 1,5 Minuten am Tag). Natürlich könnte die Batterie gerne länger durchhalten. Und mit Sicherheit kann man den Akku auch in 3-5 Stunden leersaugen, wenn man denn möchte. Im Alltag reicht mir der Akku allerdings aus, zwischendurch lässt sich das N900 im Übrigen auch jederzeit per Ladegerät oder USB-Kabel am nächsten Rechner aufladen.
Kein Anschluss …
Kommen wir zum übelsten Knackpunkt. Das synchronisieren von Daten ist ein Albtraum – wenn man kein Windows zur Hand hat. Was beim iPhone in Verbindung mit nem Mac und (für die Musik) iTunes ein Gedicht ist, gerät beim N900 zur Scheußlichkeit. Kontakte lassen sich ja noch als vCard kopieren; dabei ist Kopieren aber ja nunmal etwas anderes als Synchronisieren. Kalender lassen sich bestenfalls über den Umweg über Google Calendar auf den gleichen Stand bringen. Solange man nur einen Kalender synchronisiert. Hier versagt
Nokia auf ganzer Linie. Und das lässt sich beim besten Willen nicht schönreden.
Hätte, wäre, wenn
Hätte ich mir lieber ein iPhone 3GS mit 32 GB Speicher kaufen sollen? Oder ein Android-Handy von HTC? Nein, ich bin tatsächlich zufrieden. Das N900 fühlt sich zwar eher wie ein Netbook an und kommt nicht an die Eleganz des iPhones heran. Die Kamera rauscht wie Alpenschnee und taugt nur für den schnellen Schnappschuss zwischendurch. Und schick ist der robuste Knochen auch nur für Fans klassischen Nokia-Designs. Dafür aber bekomme ich jedoch ein offenes, Debian-basiertes Linux mit 32 GB erweiterbarem Speicher, einem exzellenten Bildschirm, extra Tastatur, FM- und IR-Transmitter und einer Messaging-Lösung, die derzeit ihres Gleichen sucht. Die Sache mit dem Synchronisieren jedoch … das wurmt. Für Musik kann ich mir auf dem Mac mit Salling Media Sync auskommen, Kalender mag ich Google jedoch schon nicht mehr anvertrauen und Kontakte lassen sich auch nur über Umwege in Richtung Handy bewegen. Da ich all diese Daten nicht allzu häufig ändere, ist das N900 in diesem Punkt noch für mich vertretbar – wer jedoch auf Synchronisierung angewiesen ist, sollte entweder ein Windows zur Hand haben, oder auf das N900 verzichten. Zumindest bis Nokia oder die Maemo-Community hier Abhilfe schaffen.
Auch unter der Haube wirkt das N900 noch recht roh, Maemo 5 ist weit vom iPhone oder Android entfernt. Wer nicht allein auf die Hoffnung und theoretischen Möglichkeiten setzen mag, dem würde ich zurzeit eindeutig ein Android-Handy von HTC empfehlen. Wer ein offenes System bevorzugt und auf regelmäßige Updates vertraut, der greift beim N900 zu. Und wer einfach ein Handy haben will, das funktioniert, der keine Experimente mag und ein paar Euro mehr übrig hat – das iPhone bietet in Verbindung mit iTunes exzellente User Experience.
Weils so schön ist, hier noch ein paar Fotos:-)






Guter Bericht. Kann ich als n900-User nur unterschreiben!
Zum Sync bietet der nokiainterne Dienst Ovi einige konfortable Funktionen (auch die entsprechende Software soll für Macuser verfügbar gemacht werden), aber man eben auch keinen wirklich privaten Abgleich – ist aber sicherlich eine Alternativ zu Google ;)